Sabine Barthauer

Vorstandsvorsitzende DZ HYP AG

„Es geht nicht um Quoten, sondern um das erfolgreiche Führen von Unternehmen.“

Sabine Barthauer ist seit Januar 2021 Mitglied des Vorstands der DZ HYP und seit August 2023 deren Vorsitzende. An der Spitze der Immobilien- und Pfandbriefbank zählt sie zu den wenigen Frauen in Führung im Finanz- und Bauwesen. Ausdrücklich, aber unaufgeregt setzt die 58-Jährige sich für die Förderung talentierter Frauen im Unternehmen ein: „Tun, was ganz normal ist“, nennt sie es im F!F-Interview.

 

Ihre eigene Karriere von der Ausbildung zur Bankkauffrau bei der Norddeutschen Landesbank über die Gruppen- und Abteilungsleitung bis zum Vorstand der DZ HYP beschreibt sie als „evolutionär“ – „ich mag Menschen, ich mag Kommunikation“. Sabine ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. 

Sabine Barthauer, Vorstandsvorsitzende DZ HYP AG, Bild: DZ HYP AG,

© Angela Pfeiffer


F!F: Du bist in der Banken- und Immobilienbranche nach wie vor eine der wenigen Frauen in Führung. Was ist deine persönliche Erklärung?

 

Sabine Barthauer: Bei den Banken hat das sicher mit den traditionellen Hierarchien zu tun. Wenn ich an die 1980er-Jahre zurückdenke: Da gab es keine Bereichsleiterinnen, keine Vorständinnen, keine weiblichen Rollenvorbilder. Und die Immobilienwirtschaft ist, aus dem Bau kommend, traditionell sehr männerlastig. Bauplaner, Ingenieure und so weiter waren in der Regel Männer. Das ändert sich jetzt auch, aber es dauert.

 

F!F: Was hältst du für die wichtigsten Treiber?

 

Sabine Barthauer: Die MINT-Studiengänge zum Beispiel haben in den vergangenen Jahren deutlich um Frauen geworben. Auch in der Schule versucht man, Mädchen in den naturwissenschaftlichen Fächern stärker zu motivieren und einzubinden.

 

In den Unternehmen lernen die älteren, vor allem noch männlichen Führungskräfte, dass Frauen nach Familiengründung zurück in den Beruf kommen, dass es sich lohnt, in ihre Ausbildung zu investieren, sie zu befördern. Je mehr weibliche Vorbilder und Karriere-Beispiele es in Unternehmen gibt, desto eher kommen junge Frauen nach.

 

Im privaten Bereich wollen Männer und Frauen sich die Arbeit heute stärker teilen, auch die Väter möchten mit ihren Kindern zusammen sein. Diese gesellschaftliche Entwicklung gepaart mit dem demografischen Wandel führt in den Unternehmen dazu, sich stärker auch auf die gut ausgebildeten Frauen zu konzentrieren.

 

„Möglichst viel Perspektivwechsel gelingt besser in gemischten Teams.“

 

F!F: Abgesehen vom Fachkräfte-Mangel: Wie profitieren Arbeitgeber deiner Erfahrung nach von gemischten Führungs-Teams?

 

Sabine Barthauer: Wissenschaftliche Studien belegen, dass Unternehmen mit gemischten Teams erfolgreicher sind, auch in den Führungsebenen. Und erfolgreicher heißt auch: rentabler. Woran liegt das? Männer und Frauen haben durchaus einen unterschiedlichen Fokus. Frauen beleuchten noch mal andere Fragen als Männer, wenn sie an Lösungen arbeiten und Entscheidungen treffen.

 

Das bestätigt sich nicht nur in den wissenschaftlichen Analysen, sondern auch im Alltag. Von meinen männlichen Kollegen, auch aus anderen Unternehmen, höre ich, dass sie bestimmte Themen in der Vergangenheit ,durchgewinkt’ haben. Heute fragen die Damen im Kreis: Haben wir über diesen oder jenen Aspekt schon einmal diskutiert? Ich finde, das beschreibt es schön: Möglichst viel Perspektivwechsel gelingt besser in gemischten Teams.

 

F!F: Als Finanzierer habt ihr Einblick in viele Unternehmen. Bestätigt sich da die Gleichung: gemischter gleich rentabler?

 

Sabine Barthauer: Ja, weil Frauen natürlich auch Nutzerinnen von Immobilien sind. Für eine erfolgreiche Vermietung gilt es, verschiedene Bedürfnisse zu antizipieren: In welchen Büros fühlen Menschen sich wohl? Wie möchten sie wohnen? Wie kaufen sie ein? Im Bereich Einzelhandel zum Beispiel sind die Bedürfnisse von Frauen und Männern oft gegensätzlich. Immobilien müssen aber für alle Endnutzer:innen funktionieren. 

 

F!F: Beobachtest du eine Zunahme von Frauen in Führungspositionen in deinem beruflichen Umfeld?

 

Sabine Barthauer: Ja, tatsächlich sehen wir das schon bei vielen Kunden gerade im Finanzierungsbereich. Bei der Vermittlung zwischen Unternehmens- und Bankeninteressen wählt man offenbar bewusst Frauen, um ein gutes Ergebnis zu erzielen.

 

Das zeigt mir, dass ein Erkenntnisprozess eingesetzt hat: Es geht nicht um Quoten, sondern um das erfolgreiche Führen von Unternehmen.

 

„Die männlichen Kollegen, die sehr gute Arbeit leisten, wollen wir natürlich auf diesen Positionen behalten.“

 

F!F: Auch bei der DZ HYP nutzt ihr die Quote als Hilfsmittel. Bis Jahresende soll der Frauenanteil in Abteilungs- und Bereichsleitung bei 25 Prozent liegen. Schafft ihr das?

 

Sabine Barthauer: In der Bereichsleitung haben wir gerade erst Anfang des Jahres einen Sprung nach vorne gemacht und das Ziel erreicht. Das hängt allerdings auch mit der geringen Anzahl der Positionen zusammen: Gewinnt man zwei Frauen hinzu, verbessert sich die Quote schnell.

 

In der Ebene darunter, bei den Abteilungsleiterinnen, sind wir bei 20 Prozent. Der Wandel vollzieht sich da nicht so rasch. Die männlichen Kollegen, die sehr gute Arbeit leisten und über sehr viel Know-how verfügen, wollen wir natürlich auf diesen Positionen behalten. 

 

F!F: Vor welche Herausforderungen stellt euch der demografische Wandel?

 

Sabine Barthauer: Unser Durchschnittsalter liegt bei 46 Jahren, bis zum Jahr 2030 verlassen uns 30 Prozent der Mitarbeiter:innen in den Ruhestand. Das haben wir im Blick: Wie wird sich die Bank entwickeln? Welche Potenzialträger:innen haben wir? Wo ist unser Nachwuchs, den wir halten möchten?

 

In der jüngeren Generation war bisher zu beobachten, dass die Arbeitgeber alle zwei, drei Jahre gewechselt wurden. Und bis 2030 ist es noch ein Stück Weg. Deshalb müssen wir den jungen Kolleg:innen interessante Aufgaben und attraktive Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Und andererseits müssen wir den Babyboomern klar machen: Ihr seid wichtig für uns! Ihr habt so viel Erfahrung und Fachwissen, ihr habt die Bank in den letzten Jahrzehnten getragen.

 

Die erfahrenen Babyboomer und die Gen Z, die neugierig ist, die Verantwortung will, gut zusammenzubringen: Das ist eine wichtige Aufgabe. Das gelingt uns an vielen Stellen schon sehr gut. Auch, weil viele der Babyboomer selbst Kinder haben und darüber den Draht in die junge Generation.

 

„Im Vorstand sind wir uns einig, dass uns die diverse Besetzung von Positionen wichtig ist.“ 

 

F!F: Ihr macht viele Angebote, um Arbeiten und Privatleben zu vereinbaren: mobiles Arbeiten, flexible Arbeitszeiten oder die Möglichkeit, Urlaubstage zu kaufen. Gibt es ein besonders wirksames Instrument, um Frauen zu gewinnen?

 

Sabine Barthauer: Ganz grundlegend ist der ,Tone from the Top‘. Im Vorstand sind wir uns einig, dass uns die diverse Besetzung von Positionen wichtig ist. Wir achten in unseren Ressorts darauf, weisen in unserer Kommunikation darauf hin und zeigen es in unserer täglichen Arbeit. Man muss tun, was ganz normal ist: Männer und Frauen in die Vorstandssitzungen holen, Ergebnisse präsentieren lassen. Und zwar nicht nach dem Motto: Jetzt kommt hier mal eine Frau dazu. Sondern um in den fachlichen Diskussionen auch die unterschiedlichen Perspektiven einzubinden.

 

Inzwischen gibt es auch konkrete Beispiele von Müttern, die zunächst eher den Fokus auf die Familie gesetzt haben und jetzt mit größeren Kindern wieder zu höherem Anteil in der Bank arbeiten und den nächsten Karriereschritt machen. Diese Beispiele müssen wir liefern. Es nützt nichts zu sagen, dies oder das ist bei uns theoretisch möglich, wenn man es nicht in die Praxis umsetzt.

 

F!F: Ihr bietet auch Netzwerk-Treffen oder Management-Seminare speziell für Frauen an.

 

Sabine Barthauer: Ja, wir geben Frauen den Raum, die Führungsrolle gut zu reflektieren, sich neben Sachfragen auch mit Führungsfragen zu beschäftigen. Zum Beispiel in Seminaren zu ,Female Leadership‘: Was passt für mich? Möchte ich so eine Rolle in vollem Umfang? In guten und kreativen Phasen, aber auch wenn beispielsweise schwierige Gespräche mit Mitarbeitenden anstehen. Reflektion und Befähigung rund um das Thema Führung sind wichtig.

 

F!F: Wie sorgt ihr dafür, dass bei gezielter Förderung von Frauen kein Unmut unter den männlichen Kollegen aufkommt?

 

Sabine Barthauer: Kommunikation ist ein Schlüssel. Wichtig ist, keine Geheimniskrämerei zu betreiben, sondern zu informieren: Was machen wir bei den Frauennetzwerk-Treffen? Welche Themen werden reflektiert? 

 

Dann gehen wir aber auch wieder in gemischte Situationen hinein. Die Mehrzahl unserer Veranstaltungen sind offene Formate, in denen Frauen und Männer gemeinsam an Themen arbeiten wie zum Beispiel Leadership, Innovation, Künstliche Intelligenz und vielem mehr.

 

„Mein Mann hat mich immer unterstützt.“

 

F!F: Stellst du umgekehrt fest, dass Männer sich mehr vorwagen bei Elternzeit, Teilzeit oder mobilem Arbeiten?

 

Sabine Barthauer: Absolut. Da sind wir wieder beim Thema Vorbild: Auch meine männlichen Kollegen arbeiten beispielsweise im Home-Office, wenn sich das anbietet. Bei Video-Konferenzen schalten sie kein imaginäres Hintergrundbild ein, sondern zeigen, dass sie zu Hause sind. Das macht allen anderen Mut.

 

F!F: Eure Tochter ist heute Mitte 20. Als du Mutter wurdest, gab es noch kein mobiles Arbeiten in Banken. Wie habt ihr euch privat organisiert? 

 

Sabine Barthauer: Ich hatte sehr viel Rückendeckung in der Familie, immer konnte jemand spontan einspringen. Meine Eltern waren noch relativ jung, als unsere Tochter geboren wurde. Und mein Mann hat mich immer unterstützt, ohne Kind und mit Kind noch viel mehr. Er hat dann Teilzeit gearbeitet…

 

F!F: …während du bei eurem damals gemeinsamen Arbeitgeber, der Norddeutschen Landesbank, weiter Karriere gemacht hast?

 

Sabine Barthauer: Ja, tatsächlich. Ich habe immer hundert Prozent gearbeitet. Mein Mann war mit Pionier, weil er als einer der ersten Männer in einer Bank Teilzeit gearbeitet hat. Das war Ende der 1990er-Jahre schon sehr besonders. Ich habe ihn dafür bewundert, wie er das durchgesetzt hat.

 

Natürlich war das manchmal auch schwierig, Kinder werden krank. Dann haben wir uns zum Beispiel die Arbeitstage geteilt. Einer vormittags im Büro, der andere nachmittags. Also wir sind auch zu Hause ein richtig gutes Team.

 

„Man sollte immer bei sich bleiben und das tun, was einem wirklich Freude bereitet.“

 

F!F: Hast du dich mit wachsender Verantwortung auch mal überfordert gefühlt?

 

Sabine Barthauer: Für mich war Arbeit nie Stress. Sicher bin ich am Wochenende auch mal müde, wenn ich hintereinander etliche Abendveranstaltungen hatte oder viel gereist bin. Das war ich auch, als ich jünger war. Trotzdem: Mein Beruf war immer meine Leidenschaft. Daher habe ich mich nie ausgebrannt gefühlt. Ich hatte immer auch ein angenehmes kollegiales Umfeld, sehr sachorientiert, ein tolles Miteinander.

 

F!F: Hat es dich zuweilen gestört, die Frau unter Männern zu sein?

 

Sabine Barthauer: Ich habe ja immer im Immobilienfinanzierungsbereich gearbeitet, mit einer in der Regel bodenständigen Klientel. Das hat gut gepasst, das kannte ich von zu Hause. Ich habe einen zwei Jahre jüngeren Bruder, und wir waren viel gemeinsam unterwegs, sind auf Bäume geklettert, haben Baumhäuser gebaut. Darum war mein Fokus eher auf den Gemeinsamkeiten als auf geschlechterspezifischen Unterschieden. Überwiegend habe ich mich als Teil des Teams und nicht allein unter Männern gefühlt.

 

F!F: Welche beruflichen Tipps kannst du aus deiner Erfahrung weitergeben?

 

Sabine Barthauer: Man sollte immer bei sich bleiben und das tun, was einem wirklich Freude bereitet. Wer Familie hat, besonders mit Kindern: Im Alltag immer einen Plan B haben. Und vielleicht noch einen Plan C. 

 

F!F: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Interview führte Liane Borghardt.